Forschungsprojekte

"Kunst-Forschung zwischen Stenogramm und Enzyklopädie. Strategien der Wissensgewinnung und -dokumentation an der Staatlichen Akademie für künstlerische Forschung in Moskau (1921–1930)" — Projekt-Infos

 

Freiheitsdiskurse in Russland
DFG fördert ein neues Projekt zur russischen Ideengeschichte an der RUB

Am Lotman-Institut für russische Kultur der RUB startet ein neues Forschungsprojekt zum Thema „Freiheitsdiskurse in der russischen Ideengeschichte“. Das Projekt widmet sich der Frage, welche Bedeutung die Freiheit als Idee und Begriff im politischen und kulturellen Bewusstsein Russlands seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein hat: Anhand der Analyse semantischer Transformationen der Freiheitsbegriffe sollen im Projekt die zentralen Traditionslinien des Freiheitsverständnisses in der russischen Ideengeschichte systematisch untersucht werden. Projektleiter ist PD Dr. Nikolaj Plotnikov. Projektmitarbeiterin ist Dr. Svetlana Kirschbaum.

Im europäischen Diskurs der Moderne wird Russland zumeist als ein politischer Raum angesehen, in dem sich in Geschichte und Gegenwart keine freiheitliche politische Kultur entwickeln konnte und – im Gegensatz zum politischen Raum des ‚Westens‘ – Traditionen von Unfreiheit und Autoritarismus herrschen. Ziel des Projekts ist es hingegen zu zeigen, dass trotz der autoritären Tendenzen des russischen Staates Freiheitsdiskurse entstanden sind, die für die Konstituierung der Öffentlichkeit in Russland eine fundamentale Rolle gespielt haben. Dabei ist der Freiheitsbegriff einer der am stärksten umkämpften Begriffe der russischen Ideengeschichte: Er ist nicht nur ein deutlicher Indikator der sich herausbildenden Öffentlichkeit, sondern auch eine wesentliche Herausforderung für den herrschenden Diskurs der Macht.

Die Aufgabe des Projekts ist es zum einen zu klären, welche Aspekte von Freiheit in der russischen ‚intellectual history‘ in besonderer Weise relevant werden, und sie mit den (west)europäischen Thematisierungen von Freiheit vergleichen. Zum anderen soll gezeigt werden, welche Funktion die philosophischen Freiheitsbegriffe im Prozess der Herausbildung des öffentlichen Diskurses erfüllen.

Das Projekt ist insgesamt auf sechs Jahre angelegt (die erste Förderphase beträgt drei Jahre). In dieser Zeit sind, neben der Veröffentlichung von Aufsätzen in Fachzeitschriften, die Herausgabe eines Quellenbandes zur Philosophie der Freiheit in Russland und eine Monographie mit der Rekonstruktion des Begriffsfeldes der Freiheit vorgesehen.

Die Aktivitäten des Projekts zielen zudem auf einen Ausbau der nationalen und internationalen Kooperation sowie eine Koordinierung der Forschung zur russischen Philosophie und Ideengeschichte in Deutschland ab.

 

„Die Sprache der Dinge. Philosophie und Kulturwissenschaften im deutsch-russischen Ideentransfer der 1920er Jahre“, gefördert durch die Volkswagen-Stiftung

Das Forschungsprojekt widmet sich einem bislang nur wenig erforschten Kapitel des deutsch-russischen Ideentransfers zwischen 1910 und 1930: der Wirkung der Staatlichen Akademie der Kunstwissenschaften (russische Abkürzung: GAChN) in Moskau. Das Projekt wird von einem deutsch-russischen Forscherteam durchgeführt und im Rahmen der Forschungsstelle „Russische Philosophie und Ideengeschichte“ realisiert.

Die Staatliche Akademie der Kunstwissenschaften, die in ihrer kulturellen Bedeutung mit dem deutschen Bauhaus vergleichbar ist (und auch wie dieses maßgeblich von W. Kandinsky mit gestaltet wurde) bildete von 1921 bis 1929 den zentralen Ort der Diskussion um eine neue Bestimmung der Kultur- und Kunstwissenschaften in Russland. Der russische Husserl-Schüler Gustav Špet wirkte an der Akademie in seiner Funktion des Vize-Präsidenten als wichtiger Vermittler in der Rezeption und Weiterführung deutscher hermeneutischer, kultur- und kunstphilosophischer Konzeptionen. Die am Projekt beteiligten Forscher untersuchen nicht nur Špets umfassend angelegte Grundlegung der Kulturwissenschaften, sondern rekonstruieren auch ihre Anwendungen auf die verschiedenen Disziplinen der Kunstwissenschaften. Überdies analysieren die Forscher die philosophisch-wissenschaftstheoretischen Diskussionen aus der Perspektive der institutionellen Geschichte der GAChN und betrachten diese Geschichte als Experimentierfeld, auf dem die neu entwickelten Konzepte der Kulturwissenschaft in der Forschungspraxis realisiert und erprobt wurden.

 

„Kulturen der Gerechtigkeit. Normative Diskurse im Transfer zwischen Westeuropa und Russland“, gefördert durch das BMBF

Ziel des fachübergreifenden Verbundprojekts „Kulturen der Gerechtigkeit. Normative Diskurse im Transfer zwischen Westeuropa und Russland“ ist es, Formen diskursiver Artikulation von Gerechtigkeitsvor­stellungen und Weisen ihrer Einbettung in einen Kulturzusammenhang zu untersuchen. Dabei wird akzentuiert, dass die kulturellen Kontexte von Gerechtigkeitsvorstellungen sowie von deren Institutionalisierung nicht autark sind, sondern sich in Prozessen ständiger Wechselwir­kung bzw. Übersetzung befinden.

Dieses Feld kultureller Leistungen, das zwischen den allgemeinen Prinzipien der Gerechtigkeit und den normativen Systemen ihrer Verwirklichung besteht und sie vermittelt, wird im Verbundprojekt anhand des Kulturtransfers zwischen Westeuropa und Russland untersucht. Dieser Transfer konstituiert in der Geschichte und der Gegenwart einen wichtigen Bestandteil des Selbstverständnisses Europas.

Die Zielsetzung des Projekts hat eine interdisziplinäre und zugleich interkulturelle Ausrichtung. Es thematisiert die in einer interkulturellen Kommunikation stattfindenden Transferprozesse, aber auch die darin auftretenden Probleme und Missverständnisse, und stellt damit die Übersetzungs- sowie Vergegenwärtigungskompetenz der Kulturwissenschaften heraus. In dieser Hinsicht leistet das Projekt einen Beitrag zur Entwicklung der interkulturellen Diskurse in einer globalisierten Welt. Es stellt Russland ins Zentrum, um europäische Diskurszusammenhänge in ihrer Ost-West-Differenz in Geschichte und Gegenwart für das heutige Verstehen von kultureller Andersartigkeit aufzuschlüsseln. Das Projekt betrachtet die Differenz nicht als Grundlage antagonistischer Entwürfe, sondern als Pluralität europäischer Diskurse, die ihre historische Wirkmächtigkeit bis in die Gegenwart entfalten.