Abschlussberichte

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TeilnehmerInnen:
Hinten (von links): Irene Ritter-Wagner, Kateryna Piskun, Georg Stin
Vorne (von links): Dorothea-Julia Laszczak, Natalja Friesen, Dr. Katrin Bente Karl (Kursleitung), Sabina Safarova, Milena Ploch

UnVergessen WS 2017/SoSe 2018

 

Ein soziales Projekt zur sprachlichen Situation russisch-und polnischsprachiger Pflegebedürftiger

 

Die Kombination des demografischen Wandels und mehrerer Migrationswellen führt zu einem Anwuchs mehrsprachiger BewohnerInnen in deutschen Pflegeheimen. Somit werden diese immer mehr zu einem multillingualen Ort, an welchem – auch krankheitsbedingt – das Bedürfnis zur Kommunikation in der eigenen Muttersprache wächst. Dieses kann jedoch häufig aufgrund der Vielfalt an Sprachen und des hohen Arbeitspensums des Pflegepersonals nicht gedeckt werden. An diesem Punkt setzt das Projekt UnVergessen an, in dessen Rahmen mehrsprachige Studierende in unterschiedlichen Pflegeheimen der Region Pflegebedürftige mit russischem oder polnischem Hintergrund besuchen und sie sprachlich begleiten.

Das Projekt, welches im Optionalbereich angesiedelt ist, setzt sich aus drei Veranstaltungen zusammen. Im Wintersemester besuchen die TeilnehmerInnen ein Vorbereitungsseminar, in welchem sie sich mit der Thematik Alter, Mehrsprachigkeit, Migration, Krankheit (v.a. Demenz) und Pflegeheim auseinandersetzen. Im Januar beginnt die Praxisphase, in welcher die Studierenden ihre zugeteilten Pflegebedürftigen kennen lernen und sie regelmäßig besuchen. Die Besuche werden bis zum Ende des Sommersemesters durchgeführt. Im Sommersemester wird zudem ein Begleitseminar besucht, welches die Aufgabe der Reflexion und der Betreuung einer wissenschaftlichen Untersuchung innehat. Das Projekt UnVergessen wurde im Wintersemester 2016/17 von Dr. Katrin B. Karl (Seminar für Slavistik/Lotman-Institut) ins Leben gerufen und finanziell von der Robert Bosch Stiftung unterstützt. In seinem ersten erfuhr es von allen Seiten so reges Interesse, dass es im Folgejahr fortgeführt und erweitert wurde.

Die zweite Runde des Projekts fand mit Ende des Sommersemesters seinen erfolgreichen Abschluss. Insgesamt acht Studierende nahmen an der zweiten Durchführung von UnVergessen teil. Über einen Zeitraum von mind. 6 Monaten besuchten sie regelmäßig neun Pflegebedürftige im Buchen-Hof, St.Marienstift, Haus am Glockengarten, St.Elisabeth Stift und zwei Einrichtungen des DRK in Essen (u.a. Pflegezentrum Solferino). Die Pflegebedürftigen nahmen teilweise bereits an der ersten Runde des Projekts teil. Es gab jedoch auch BewohnerInnen, welche neu in das Projekt aufgenommen wurden. Wie bereits im ersten Durchlauf von UnVergessen waren Russisch, Polnisch und Deutsch die verwendeten Sprachen. Die Treffen wurden selbstständig von den Studierenden und den Pflegebedürftigen gestaltet: die besprochenen Themen wurden frei bestimmt und auch gemeinsame Aktivitäten wurden unternommen. U.a. gingen die TeilnehmerInnen auf gemeinsame Spaziergänge oder spielten verschiedene Gemeinschaftsspiele. Auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Projekts wurde verfolgt. Die Studierenden führten Sprachstandserhebungen durch, welche mittels eines Assoziationstests, einem Sprachenmännchen und dem Nacherzählen von Bildergeschichten erfolgte. Im Rahmen des Projekts wurde zudem eine Bachelorarbeit von Natalja Friesen geschrieben, welche sich mit den kommunikativen Strategien einer deutsch- und einer russischsprachigen Pflegekraft in der Interaktion während der Morgenpflege mit einem russischsprachigen demenzerkrankten Bewohner auseinandersetzt. Zurzeit entsteht ebenfalls eine Masterarbeit von Dorothea Laszczak, welche sich mit den Identitätskonstruktionen älterer Migrantinnen mit polnischem Sprach- und Kulturhintergrund beschäftigt. Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen zwei Bewohnerinnen, von denen eine Frau demenziell erkrankt ist.

Die Arbeit erfuhr auch im zweiten Durchlauf von allen Seiten positive Resonanz. Die Studierenden dokumentierten ihre Arbeit mit folgenden Aussagen: „Das Projekt war eine der besten Erfahrungen im Studium! Nun konnte man die theoretischen Aspekte anwenden und sozial aktiv werden.“(Sandra Kwasny). Neben dem universitären Nutzen sehen sie auch die Möglichkeit des Ausbaus ihrer eigenen Kompetenzen. „Das Projekt bietet die Möglichkeit seine sprachlichen Fertigkeiten zu verbessern, seine sozialen Kompetenzen auszubauen und eine Menge an neuen Erfahrungen zu sammeln.“(Dorothea Laszczak). Im Mittelpunkt steht jedoch das soziale Engagement. „UnVergessen - Das war genau das richtige Projekt für mein Studium… weil das Lachen eines anderen Menschen mehr zählt als Arbeiten und CPs.“(Milena Ploch). Diese Aussagen zeigen, wie sehr Studierende und Pflegebedürftige von dem Projekt UnVergessen profitieren.

Im WS 2018 wird das Projekt von inSTUDIESPLUS unterstützt und erhält den Namen UnVergessenPLUS. Die Erkenntnisse aus der ersten und zweiten Durchführung von UnVergessen machen deutlich, dass es viele offen Fragen gibt. Daher wird das Projekt im nächsten Durchlauf forschungsorientierter gestaltet. Die Studierenden sollen sich Forschungsfragen, welche aus ihrem Studienfach bzw. ihrem eigenem Interesse heraus entstehen, erarbeiten und diese in der Praxisphase überprüfen und in eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit überführen.

Ab dem Wintersemester 2018 werden wieder neue Studierende gesucht, die Interesse an sozialem Engagement und der eigenständigen Forschung zur Thematik Alter, Mehrsprachigkeit, Migration und Pflegeheim haben.

UnVergessenPLUS wird nun zusätzlich im Masterbereich anrechenbar sein (im Ergänzungsbereich/Nachbarfach) und dort mit bis zu 14 CPs kreditiert werden. Zudem ist es zusätzlich weiterhin für den Optionalbereich (mit 10 CP) geöffnet. Daneben kann es, z.B. für Masterstudierende des neuen Masters „Empirische Mehrsprachigkeitsforschung“, als Praktikum bzw. als Kompensation von Sprachkursen angerechnet werden. Der Fokus wird weiterhin auf der russischen und polnischen Sprache liegen. Jedoch machen Gespräche mit den kooperierenden Pflegeeinrichtungen deutlich, dass auch weitere Migrantensprachen, allen voran Englisch, und deutsche Dialekte gefordert sind.

Abschlussberichte als PDF-Download:

Abschlussbericht_WS_16_SoSe_17.pdf (313.7K)

Abschlussbericht_WS_17_SoSe_18.pdf (154.7K)